Konkrete Farbmalerei
Dr. Angelika Burger

Einführende Worte zur Ausstellung Maria Wallenstål-Schoenberg „Konkrete Farbmalerei“, 11.5.2007 bis 6.6.2007 in Kunstforum Soziale Skulptur, München

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich freue mich ganz besonders über diese Ausstellung und Sie werden es sicher selbst spüren, welche positive, stärkende und klare, überzeugende Kraft von diesen Bildern ausgeht. Die scheinbar unbeschwerte Sicherheit im Umgang mit Farbe, das Verstehen ihrer Sprache, ihrer Dynamik, ihrer Bedürfnisse und Wechselwirkungen beruhen auf einer intensiven Auseinander-setzung mit Farbe und Farbmaterialen. Wegweisend war hier der Unterricht in Ulm bei Dozent Clemens Etz sowie der Austausch mit Professor Jerry Zeniuk an der Akademie der bildenden Künste München.

Mit der „Interaction of Color“ nach Josef Albers und der wegweisenden Farblehre von Johannes Itten spreche ich ganz wesentliche Kriterien des Kolorits der Bilder Maria Wallenstål-Schoenbergs an. Der Farbcharakter der Einzelfarbe, aber vor allem das Zusammenspiel der aufeinander reagierenden Farben resultiert zum einen aus mehrfachen Untermalungen, die einen spezifischen Farbton in seiner höchst möglichen sinnlichen und subtilen Fülle zur Erscheinung bringen und ihn zugleich in eine Verbindung, eine Relation mit seinen Nachbarfarben treten lassen.

Diese aktive Kommunikation der Farben miteinander gestaltet sich auch über die Wandfläche hinweg zur partnerschaftlich verbunden Leinwand des Diptychons oder einer ganzen Serie. Kleine vollmundige Intervalle von Orangerot und Rot treten in Spannung zu Blau und Grün und lassen somit Farbe-an-sich /- als auch Komplementär/- und Warm-Kaltkontraste anklingen.Was das Modulieren mit Temperatur- und Helligkeitsabstufungen eines Farbtons innerhalb komplementärer Farbbeziehungen betrifft, steht der Malerin Paul Cézannes Gestaltung beispielhaft vor Augen. Durch die Dynamik der Farbbeziehungen und die emotionale Wirkung der ausdrucksstarken, leuchtenden Farben wird der Betrachter zum empfindsamen Teilnehmer der Kommunikation.

Auf mehreren Leinwänden wie auch auf einer Bildfläche für sich arbeitet die Malerin gleichsam polyphon, in ständiger Abstimmung der Tonwerte aufeinander, fein nuancierend hinsichtlich einer Kommunikation, die gleichzeitig verschiedene Verbindungen ermöglicht und eröffnet. Die Arbeit mit den Farbflächen vollzieht sich spontan, emotional reagierend, vorgegeben ist eventuell eine Grundstimmung. Das Bild jedoch ergibt sich im Entstehungsprozess.

Maria Wallenstål- Schoenberg weiss auf der Tastatur des Farbklaviers zu spielen, die Emotionalität des einmalig erzeugten Farbtons herauszuarbeiten und gleichzeitig in seinen farbigen Beziehungen zum Schwingen zu bringen. Gleich den wohl kalkulierten Zügen des Schachspieles wird bei jeder Farbsetzung und dessen Tonwert die Reaktion des Mitspielers und das Gesamtfeld - hier die koloristische Gesamtwirkung - mitgedacht und überblickt. So entstehen gleichzeitige Farbverbindungen über das gesamte Bildfeld hinweg, Nachbarschaften, Kommunikationen überkreuz, Netzwerke der schwingenden Ähnlichkeiten und lebendigen Kontraste. Ähnlich wie im Schachspiel ergeben sich auch in den Triptychen und Bildserien unendlich miteinander korrelierenden Möglichkeiten. Maria Wallenstål-Schoenberg arbeitet mit der Leuchtkraft der gesättigten Farben und deren Abstufungen im Bereich der Helligkeit. Hier moduliert und komponiert sie in einzigartiger Weise mit dichten Farbreihen, betonenden Akzenten und lebhaften Kontrasten.

Zu dem „mehrhändigen“ Spiel mit kommunizierenden Farbwelten gesellt sich das gleichwertige Komponieren mit Größenverhältnissen, mit Farb-und- Flächenqualitäten, mit proportionalen Bezügen. Bei dem beziehungsreichen Arbeiten mit unterschiedlich grossen Farbfeldern spielen Teilungsverhältnisse wie der Goldene Schnitt- ähnlich wie bei Blinky Palermos Bildkompositionen- eine wichtige Rolle. Es sind jedoch auch die unterschiedlichen Bildformate- von der schmalen Lattengrösse, über Hochformate bis hin zu kleineren Quadraten und kastenartigen Objektreihen-, die im Raum miteinander in lebhafte Beziehung treten und sich gegenseitig herausfordern. Neben dem Eingehen auf Farbforderungen, was eine wache Aufmerksamkeit und die ständige Bereitschaft zur subtilen Veränderung von Farbtönen während des Arbeitsprozesses verlangt - ein Wahren von Kontrasten und ein Annähern durch gegenseitige Ausmischung, auch im Bereich der farbigen Grau - wird die Gestaltung der Farbgrenzen, der Ränder von der Malerin als wichtiges Thema empfunden und thematisiert. Hier kann man gerade bei den Bildern mit weniger starken Farbkontrasten eine sehr weiche Abgrenzung der Farbflächen von einander, Spuren von Farbverwischungen, Zonen von transparenten Überlagerungen, gleichsam osmotischen Austausches erleben. Man wird an die weichen, pastellartigen, mehrschichtigen Farbzonen von Sean Scully erinnert.

Gerade in den letzten Gemälden, die eine Entwicklung hin zu sanfteren, eher gedämpften Farbtönen anklingen lassen, bekommen diese spannenden farbigen Randzonen zwischen den pflasterartig und zugleich unregelmäßig angeordnete Rundformen unterschiedlicher Größe eine besondere Bedeutung.
Maria Wallenstål-Schoenberg sieht diese Ränder als eine Herausforderung und spricht von eine erstrebter, kalkulierter „genauer Ungenauigkeit“. Dieses Kalkül, der fluiziden Stofflichkeit von Farbe Rechnung zu tragen, kommt besondes gut bei den Aquarellen zur Erscheinung. Hier beschrieben zarte, transparente Farbschichten, Überlagerungen, -Überschneidungen die Randzonen der unterschiedlichen Formen und bringen die leuchtenden Farbtöne gleichsam zum „Schwingen“.

Mit dieser Auffassung der Farbe als freiem und eigenwertigem Medium, dem Ausponderieren von Selbstbestimmung und formaler Kontrolle steht die Malerin in der Tradition der europäischen Malerei der „Suggestiven Farbe“, die von Monet über Bonnard zu Matisse führt und darüber hinaus als Inspirationsquelle die Verbindung zur amerikanischen Malerei des abstrakten Expressionismus setzte. So mag man sich bei der Leichtigkeit und Transparenz der aquarellierten Farbformen an Sam Francis Arbeiten als Hommage an Monet erinnert fühlen.

Prägend für die Malerin und ihre ausgesprochene Kenntnis von Farbgesetzmässigkeiten und Materialeigenschaften, war sicher ihre Auseinandersetzung mit der theoretischen und angewandten Farbforschung von Adolf Hölzel, Johannes Itten, der Bauhauslehre, sicher aber auch von Paul Klee. Ihre Arbeiten verkörpern auch die Verinnerlichung der Suggestivkraft und Emotionalität der Farben wie beispielsweise bei Morris Louis sowie die ethische Verpflichtung, die Klarheit und Strenge der Farbfeldarbeit eines Barnett Newman.

Ich wünsche Ihnen nun bei dem Austausch mit den Bildern so viel Freude, wie ich sie dabei empfinde.

Vielen Dank,

Dr. Angelika Burger
Mai 2007