Farbmalerei
Dr. Barbara Rollmann-Borretty

Die neuen Ölgemälde von Maria Wallenstål-Schoenberg bestehen aus Beziehungen. Das erste, was der Betrachter wahrnimmt, sind unregelmäßige runde Formen. Ihre Position auf der Leinwand lässt erkennen, dass sie Teile eines Bezugssystems sind. Im zweiten Blick wird deutlich, dass ihre Farben ebenfalls im Verhältnis zueinander stehen. Und so setzt sich das fort, je tiefer man in so ein Gemälde einsteigt. Es geht beim nächsten Blick um die Ränder, an denen sich die runden Formen berühren, weiter ist es das Mischungsverhältnis der Töne, die Art des vielschichtigen Auftrags, die alles miteinander in Beziehung setzt. So ist es undenkbar, ein Element aus einem dieser Gemälde zu separieren – wie eine Spirale dreht sich die Relation der Teile zueinander und zum Ganzen immer weiter. Sie ist das Wesen dieser Arbeiten.

Im Grunde ist Maria Wallenstål-Schoenberg eine Künstlerin mit einem traditionell-konservativen Ansatz. Sie überlässt nichts dem Zufall, jeder Handstrich im Prozess ist wohl überlegt und erprobt. Doch das Endergebnis ist genau das Gegenteil: eine schwerelose und heitere Malerei, die offen ist für jegliche Art der Kommunikation. Den technischen Aufwand, das malerische Konzept sieht man ihr nicht an. Man spürt es nur.

In diesem Sinne arbeiteten auch die großen Impressionisten, arbeitete ein Monet oder ein Cézanne. Die subjektive Erscheinung galt es, Mithilfe der Maltechnik und einem starken Künstlerwillen, der vor mehr als einem Jahrhundert um jede Neuerung ringen musste, darzustellen. Sehen wir uns ein Stilleben mit Äpfeln von Cézanne an, und halten daneben eines der Bilder dieser zeitgenössischen Künstlerin, so wird die Gemeinsamkeit schnell klar: während sich die Formen vereinfachen, wird die Malerei intensiver. Schon während ihrer gegenständlichen Phase der frühen Jahre kommen bei der Malerin Stilleben vor, in denen diese Reduktion der Formen zu spüren ist.

Doch freilich leitet sich ihre Arbeit nicht ohne Umschweife vom Impressionismus ab. Diese Stilepoche gehört zu unserem kulturellen Erbe wie die Moderne, die von ihr vorbereitet wurde. Und die Moderne wiederum ist noch immer das Modell für viele Kunst- und Geistes-strömungen bis heute: einen fruchtbareren Umbruch hat es in der Geschichte der Kunst wohl selten gegeben. Deshalb beruft sich Maria Wallenstal-Schoenberg mit gutem Recht auf einen Lehrer der Moderne, auf Johannes Itten und seiner Theorie der Farbkontraste. Nach dieser Lehre werden die Komplementär- und Simultan-farben in ihren Bildern gemischt und aufgetragen. Diese Verhältnisse bringen Spannung und Erregung in die Gemälde, lassen sie kraftvoll und harmonisch erscheinen. Die Steigerung der visuellen Reize ist eine für den Betrachter unmerkliche, aber wirkungsvolle Methode.

Das Gedankengut dieser Bauhaus-Lehre fand seine Entsprechung in der konkreten Kunst und in der Farbfeldmalerei. Auch Maria Wallenstal-Schoenberg geht diesen Weg. In ihren frühen gegen-ständlichen, zur Abstraktion tendierenden Bildern ist er schon vorgezeichnet. In ersten gegen-standslosen Werken befasst sie sich mit der geometrischen Aufteilung der Fläche, die sie auf serielle Wandobjekte überträgt. Doch die Fragen der Malerei beschäftigen sie bald stärker als die plastischen und konzeptuellen Aspekte der Arbeiten. Sie beginnt, in ihren Bildern Farbflächen aneinander zu setzten, wobei sie die harten Kanten der geometrischen Objekte zugunsten einer weicheren Kontur aufgibt. So entwickelt sich die ganze Fassung der Gemälde von der scharfkantigen Perfektion der Geometrie zu einem malerischen Konzept, in dem die Farbwirkung im Vordergrund steht.

In der Folge experimentiert die Künstlerin bei ihrer Farbfeldmalerei mit beidem: den weichen Verläufen und lasierten Farbschichten, in einer anderen Serie wieder mit den homogenen Flächen des „hard edge painting“. Immer steht für sie jedoch eines im Vordergrund: das Verhalten der Farbfelder zueinander, die optimale Wirkung der Farbkontraste. Bei diesem mit großer Ernsthaftigkeit verfolgten Programm stellt sie sich letztendlich den großen Fragen des „colourfield paintings“, das einst Form und Farbe als radikale Rahmenbedingungen begriff.

In einem konsequenten Schritt wechselte Maria Wallenstal-Schoenberg vor etwa zwei Jahren zur Ölmalerei. Mit den Acrylfarben kam sie an die Grenzen dessen, was sie in der Malerei erreichen konnte. So bietet der Anblick der neuen Bilder eine erweiterte Dimension: die Leinwand atmet, die mit dem schmalen Spachtel aufgetragenen Felder und Formen wirken organisch. Schon vorher haben sich aus den homogenen Farbfeldern der „hard edge paintings“ die unregelmäßig runden Flächen entwickelt, so wie ein Quadrat, das an den Ecken beschnitten wird. Bei den Ölgemälden jedoch werden diese „Runden“ fast plastisch, ihre Erscheinung differenziert zwischen einem „Innenleben“ und einer „Haut’. Ihre Kanten sind markant verstärkt, hier wird die Ölfarbe Materie. Die Ränder leisten die Abgrenzung der Form nach außen, doch auch, bei den Berührungspunkten mit anderen, die Verbindung, das mögliche Verschmelzen mit ihnen. Besonders und gleichwertig werden die Grundflächen dieser Bilder behandelt: es sind zarte, beinahe transparente Mischungen aus sehr hellen und sanften Farbwerten. Sie ähneln dem Inkarnat, mit dem große Meister wie Rubens, Renoir oder heute Lucien Freud die Leiber ihrer Modelle malten. So bieten diese Fonds den idealen Raum für das Bildgeschehen, unterstützen dessen organischen Aspekt.

Man kann die neuen Gemälde als eine künstlerische Haltung verstehen, die auf der Suche nach der absoluten Malerei ist. In ihrem Wesen sind sie jedoch auch sinnbildlich: sie zeigen Kommunikation und Teilung, Gleichheit und Unterscheidung – Grundbegriffe alles Lebendigen.

Dr. Barbara Rollmann-Borretty
Dezember 2008, Katalog erschienen 2009